Gewinnt die stärkere Mannschaft immer das Elfmeterschießen?

Es gibt zwei Theorien zum Thema Elfmeter. Die Anhänger der einen Theorie meinen, die Elfmeter sind die Essenz vom Fußball, die bei den Fans der teilnehmenden Mannschaften das Herzklopfen erregen.  Die anderen behaupten dagegen, dass die Ermittlung eines Siegers durch eine Serie der Schüsse aus dem 11. Meter eine der unfairsten Erfindungen in der Geschichte der Welt ist. Wie man es vermuten kann, sind die Fans der Mannschaften, die in der letzten Zeit im Elfmeterschießen eine Niederlage einstecken mussten, keine Anhänger vom Elfmeterschießen. Die Fans der Siegesmannschaften sind dagegen davon überzeugt, dass diese Art und Weise, den Sieger eines Spiels zu ermitteln, richtig ist.

Sowohl die einen als auch die anderen haben ihre Argumente. Haben Sie sich irgendwann darüber Gedanken gemacht, wie die Chancen einzelner Mannschaften auf den Sieg im Elfmeterschießen aussehen? Wird ein klarer Favorit einen Außenseiter auch im Elfmeterschießen besiegen? Die Statistiken sind in diesem Bereich sehr interessant.

 

das Elfmeterschießen

Wie oft wird das Ergebnis im Elfmeterschießen entschieden?top

Als Beispiel nehmen wir die Europameisterschaften – im 21. Jahrhundert wurden 5 Euro Turniere (Stand am 14.11.2016) ausgetragen. Wenn man die Achtelfinalen, Viertelfinalen, Halbfinalen und Finalen zählt, dann wurden in diesen Turnieren insgesamt 43 Spiele in der Pokalphase gespielt. 16 davon (also fast 40%) haben mit Unentschieden und mit Verlängerung geendet und in 10 Spielen musste das Elfmeterschießen den Sieger ermitteln. Statistisch endete also jedes vierte Spiel in der Pokalphase  mit Elfmetern. Sollte man also vor einem großen Turnier ein oder zwei Trainings dafür bestimmen, dieses Spielelement zu verfeinern?

Laut Fußball-Historiker bedeutet ein Elfmeter im Spiel fast 80% Chancen auf das Tor (interessant ist, dass der Torhüter nur ca. 30% Erfolgschancen hat, auch wenn er in die richtige Richtung springt – natürlich ist es nur die Statistik). Im Elfmeterschießen sind die Chancen des Torwarts deutlich höher, die Erschöpfung der Spieler und ein enorm großer Stress melden sich. Sehen wir uns als Beispiel das Viertelfinale der letzten EM in Frankreich an. Die uralter Gegner – Italien gegen Deutschland in einem Spiel.
Das Spiel konnte nicht entschieden werden – weder in der regulären Spielzeit noch in der Verlängerung. Um den Halbfinalisten zu ermitteln, mussten 18 Torschüsse aus der Entfernung von 11 Metern geführt werden. Die Spieler beider Mannschaften haben insgesamt 7 Elfmeter verschossen (38%). Schaut man sich die Namen, den Ruf und den Wert der Schützen an, so scheint dies unglaublich.

Andere unglaubliche Elfmeterserien in der EM? Allen haben noch den großartigen Francesco Toldo vor den Augen, der 2000 Italien ins Finale geführt hat.  Die Mit-Gastgeber des Turniers – die Holländer haben keine andere Möglichkeit zugelassen als Medaillen zu gewinnen. Die Oranje-Mannschaft hat ohne Probleme die weiteren Turnierphasen durchgegangen (u.a. der Sieg 6:1 gegen die mit Stars gespickte Nationalmannschaft von Jugoslawien). Italien soll nur eine weitere Haltestelle auf dem Weg ins Finale sein. Dieser Meinung waren auch die Wettfirmen, die größere Chancen auf den Sieg den Gastgebern gegeben haben. Die Ereignisse vom 29.06.2000 bleiben noch lange in Erinnerung von Oranje Fans.  Die Holländer haben in der regulären Spielzeit 2 Elfmeter verschossen und dann kamen es noch 3 im Elfmeterschießen hinzu. Die Träume davon, den Titel zu gewinnen zerplatzten wie eine Seifenblase. Einer könnte sagen: „wie ist es möglich, dass solche renommierte Spieler in dem wichtigsten Spiel ihres Lebens 5 Elfmeter verschießen?“ Im Fußball ist alles möglich. Je früher man es akzeptiert, desto höhere Chancen auf den Erfolg in Wetten man hat.

 

Gewinnen die Favoriten immer im Elfmeterschießen?top

Die Statistiker haben gerechnet, dass in den Jahren 2000 – 2016 in den prestigeträchtigsten FIFA und UEFA Turnieren 53 Elfmeterserien gespielt wurden. 30 davon hat die Mannschaft gewonnen, die vor dem Spiel als Favorit galt und in 23 Fällen wurde der Favorit besiegt. Laut Statistik entscheiden die Favoriten die Elfmeterserien zu ihrem Gunsten in nur  57% der Fälle (oder ist es vielleicht ganz viel). Man soll jedoch nicht vergessen, dass der Favorit hier nur ein konventioneller Begriff ist.

Wann kommt es zum Elfmeterschießen? In der Regel in den Pokalphasen großer Turniere, in den europäischen oder nationalen Pokalspielen. Man soll also nicht erwarten, dass in einem 1/16 Spiel der Weltmeisterschaft Brasilien gegen, sagen wir Gibraltar spielt (mit allem Respekt und Sympathie für die Nationalmannschaft Gibraltars).

Und auch wenn es dazu kommen würde, wäre es eher nicht zu erwarten, dass die Canarinhos die Verlängerung und Elfmeterschießen bräuchten, um das Spiel zu gewinnen.
In der Regel treffen in solchen Turnieren die Mannschaften aufeinander, die auf einem ähnlichen Niveau sind. Z.B.  das Spiel Portugal gegen Polen im Viertelfinale der letzten EM in Frankreich und das Ergebnis 1:1 in der regulären Spielzeit, torlose Verlängerung und das Elfmeterschießen, das den Halbfinalisten ermitteln sollte.  Das Glück war auf Seite der Portugieser und sie haben das Halbfinale erreicht, wie es auch die Wettfirmen vorausgesehen haben. Wäre jedoch der Sieg Polens eine große Überraschung gewesen?

 

Was ist besser – die Serie anzufangen oder zu enden?top

Man sagt, das Elfmeterschießen sei eine Lotterie. Das Glück spielt hier eine wichtigere Rolle als die rein sportliche Fähigkeiten. Nach dieser Theorie hat jeder Fünftligist mit einem dicken Tollpatsch im Tor und einem lahmen Stürmer 50% Chancen, Bayern München mit Manuel Neuer zwischen den Pfosten im Elfmeterschießen zu besiegen. Es ist nicht ganz so. Natürlich braucht man Glück, wie im Leben, aber die Fähigkeiten und Nervenkraft sind auch nötig.

Nicht ohne Bedeutung sind auch andere, scheinbar irrelevante Details. Auf welches Tor werden die Spieler schießen? Fans von welcher Mannschaft sind hinter dem Tor? Welche Mannschaft ist in dem bestimmten Teil des Spiels in besserer psychischen Kondition? Wir haben in Erinnerung noch das Champions League Finale 2005 und den fantastischen Sieg Liverpools nach Elfmeterschießen. Wäre dieser ohne den unglaublichen Verlauf des Spiels überhaupt möglich gewesen? Nach den ersten 45 Minuten haben die AC Mailand Spieler wahrscheinlich nur darüber nachgedacht, wo sie mit ihren schönen Frauen und Freundinnen den Urlaub verbringen werden. Die Italiener haben den FC Liverpool eigentlich demoliert und nur ein Wahnsinniger konnte es vorhersehen, dass die Engländer den Rückstand von 0:3 noch aufholen. Und doch ist es passiert. Die Spieler von The Reds haben zuerst bei dem enorm lauten Applaus ihrer Fans ausgeglichen und dann zum Elfmeterschießen geführt. Jeder unbeteiligte Beobachter feuerte die Engländer an und an den Gesichtern der Mailänder konnte man erkennen, dass sie einerseits es nicht glauben konnten und andererseits erschrocken waren. Steven Gerard und sein Team haben sich einen unglaublichen psychologischen Vorsprung verschafft, indem sie solch einen Rückstand aufgeholt haben. Diesen Vorsprung mussten sie einfach nutzen.
Die englischen Wissenschaftler sind auch zu sehr interessanten Schlussfolgerungen gelangen. Aufgrund der Untersuchungen haben sie festgestellt, dass die Mannschaft, die als erste die Elfmeter schießt, 60% Chancen auf den Sieg hat. Woran liegt es? Die Spieler, die als die ersten schießen sind theoretisch unter viel kleinerem Druck. Wenn sie den Elfmeter verschießen, dann bleibt es schlimmstenfalls beim Unentschieden (angenommen, keiner mehr verschießt den Elfmeter). Der Spieler, der die Serie beendet kann bestenfalls zu diesem Unentschieden führen. Zur Bestätigung dieser These haben die Wissenschaftler die Untersuchung unter den englischen Spielern aus niedrigeren Ligen durchgeführt – auf die Frage, ob die lieber die Elfmeterserie anfangen oder beenden würden, haben 100/100 gesagt, dass sie lieber als die ersten schießen würden.

Das beste Beispiel? Im Finale des Europapokals (Entsprechung der heutigen Champions League) 1986 spielten Steaua Bukarest gegen FC Barcelona auf dem Stadium in Sevilla. Natürlich konnte es nur einen Favoriten geben. Und doch stand es auf dem Anzeigetafel nach 120 Minuten 0:0 und der Sieger musste durch Elfmeterschießen ermittelt werden. Nach der Verlosung haben die Rumänen jede Serie begonnen und die durch diese Tatsache deprimierten Stars von FC Barcelona konnten Steauas Torhüter Helmuth Ducadam kein einziges mal besiegen. Der Rumäne hat alle 4 Schüsse abgewehrt und konnte gleich mit seinen Kollegen jubeln!

 

Je länger die Serie, desto größer die Chance des Favoriten auf den Sieg top

Es ist ein Prinzip, das es nicht nur in Sport und nicht nur im Elfmeterschießen gibt. Generell geht es um folgendes: statistisch gesehen – je mehr Elfmeter geschossen werden, desto größer die Wahrscheinlichkeit ist, dass der Favorit seine Klasse bestätigt und die theoretisch schwächere Mannschaft endlich kein Glück mehr hat. Ähnlich ist es im Falle vom Tennis. Es gibt deutlich weniger Überraschungsergebnisse in den Turnieren, in denen es zu 3 gewonnen Sätzen gespielt wird als in den Turnieren, in denen 2 gewonnene Partien ausreichen. Längerer Versuch bedeutet kleinere Zufälligkeit. Nach diesem Prinzip soll man den Sieg von SK Batov im Spiel gegen FC Frystak als völlig verdient sehen. Die zwei Fünftligisten aus Tschechien spielten gegeneinander 2016 in der Anfangsphase des Pokals Tschechiens. Nach regulärer Spielzeit stand 3:3 auf der Anzeigetafel und so musste der Sieger durch Elfmeterschießen ermittelt werden. Damit dies passieren konnte, mussten 52 Elfer geschossen werden, final haben die Gastgeber 22:21 gewonnen! Nach dem entscheidenden Elfmeter konnte man auf der Tribüne „Endlich!!!” hören. Der Spieler, der den Elfer verschossen hat, hat dann witzig gesagt, die Kollegen wollten, dass er den Elfmeter nicht verwandelt, denn alle wollten schon nach Hause gehen. Der Präsident einer der Mannschaften war unglücklich, denn er hat wegen des endlosen Elfmeterschießens eine Grillparty im Familienkreis verpasst.

 

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