Garantiert hoher Ballbesitzanteil den Sieg in einem Fußballspiel?

Eine richtig durchgeführte Analyse vor dem Spiel ist Schlüssel zu einer erfolgreichen Wette. Die Fußballfans und die Tipper sind überzeugt, dass das lange Kontrollieren des Balls eigentlich eine Erfolgsgarantie in jedem Spiel bedeutet. Ist es wirklich so? Schauen wir mal…

 

Garantiert hoher Ballbesitzanteil den Sieg in einem Fußballspiel?

Während Euro 2016 hatte Spanien den höchsten Ballbesitztop

Die Spieler aus iberischer Halbinsel sind seit Jahren für ihre Beliebtheit berühmt, ihre Angriffe sehr lange zu spielen. Der Vorläufer von diesem Spielmodell war der FC Barcelona mit seinem Tiki-Taka – der Taktik, die auf endlosen Querpässen und Kurzpasspiel beruht. Im Laufe der Zeit wurde der Stil vom Stolz Kataloniens durch die spanische Nationalmannschaf übernommen. War dies jedoch immer erfolgreich?

Bei Euro 2016 hatten die Spieler von Vicente del Bosque den höchsten Ballbesitzanteil unter allen anderen Teilnehmermannschaften des Turniers und trotzdem endeten sie ihre Teilnahme bereits im Achtelfinale, in dem sie durch die Anhänger von einem ganz anderen Spielmodell – Italiener 2:0 besiegt wurden. Der Ballbesitzanteil von 59% hat in diesem Spiel nichts gebracht. Die im Abwehrspielen perfekten Italiener haben den Zugang zu eigenem Tor gemauert und haben die Tore nach einer Standardsituation und Fehler des Torhüters sowie nach einem Konter kurz vor dem Spielende erzielt. Damit es jedoch möglich wurde, mussten die Spieler von Antonio Conte 8 Kilometer mehr als die Gegenmannschaft laufen (118 – 110).

Noch schlimmer war es für La Furia Roja in der WM 2014 in Brasilien, als sie bereits in der Gruppenphase ausgeschieden sind. Trotz Ballbesitzanteil von 60% in jedem Spiel konnten sie die Gegenmannschaft nicht dominieren und mussten nach Spanien zurückkehren, bevor der Spaß richtig begonnen hat. Für die Zuschauer war dies umso mehr überraschend, als Spanien drei frühere Turniere völlig dominiert hat und die erste Mannschaft in der Geschichte war, die nacheinander EM, WM und wieder EM gewonnen hat.
Während WM in Südafrika 2010 haben die spanischen Spieler der ganzen Welt gezeigt, wie man das Angenehme  mit dem Nützlichen verbindet. Sie wurden Turniersieger und zugleich Weltmeister, der die wenigsten Tore in der Geschichte erzielt hat (lediglich 8 Tore in 7 Spielen). In allen Spielen war der Ballbesitzanteil Spaniens auf dem Niveau von 60% und in der Pokalphase sogar höher. Sie haben den Gegnern nicht nur den Ball entzogen sondern auch die Lust auf Spiel und … Kräfte.

Jeder, der mindestens einmal in seinem Leben Fußball gespielt hat, weiß es gut, dass nichts anderes so müde macht, wie dem Ball hinterherlaufen. Und die Spanier haben perfekt die Fähigkeit beherrscht, die weiteren Spiele mit möglichst kleinem Aufwand zu gewinnen, indem sie den Ball besaßen (und diesen dem Gegner entzogen). Alle Spiele in der Pokalphase sahen identisch aus. Die Spieler von der Bosque haben nach jedem Ballverlust den Gegner sofort angegriffen, den Ball wieder gewonnen und mit ihrem Spiel die Gegenmannschaft gequält. Es waren die Portugieser, dann die Paraguayer, die Deutschen und die Holländer, die durch die Spanier 1:0 besiegt wurden. In einem Turnier ist es ein perfektes Ergebnis – die Mannschaft erreicht die nächste Phase mit so wenig Aufwand, wie möglich. Man sprach nicht mehr über die spanische Nationalmannschaft, wie es vorher üblich war: „Sie spielen wie nie und verlieren wie immer“. Spaniens Stil war ein Vorbild, das sehr gerne, jedoch oft sehr misslungen nachgeahmt wurde, in allen Ecken der Fußballwelt, worüber wir noch später reden werden.

 

Portugalien hat der niedrige Ballbesitzanteil am Titelgewinn nicht gehinderttop

Interessant sind auch die Statistiken im Bereich des Ballbesitzes von anderen Euro 2016 Teilnehmern. Einen der höchsten Ballbesitzanteile hatte nämlich die Ukraine – ohne Zweifel eine der schwächsten wenn nicht die schwächste Mannschaft des Turniers. In diesem Fall hat der hohe Ballbesitzanteil keinen einzigen Punkt gebracht. Und dies ist noch nicht alles. Die Ukrainer haben nicht einmal ein Tor erzielt. Hier kann jedoch die Statistik des Ballbesitzes irreführend sein, aus einem ganz einfachen Grunde. In jedem der Spiele haben die Ukrainer als die ersten das Tor kassiert und mussten den Rückstand aufzuholen versuchen. Die Gegner konnten sich dann zurückziehen und verteidigten erfolgreich den Zugang zu eigenem Tor, wobei sie die künftigen Spiele in Betracht gezogen haben.

Der Ballbesitz fand auch keine Widerspiegelung im Spiel England – Island. Eine gigantische Überlegenheit im Feld (63% - 37% im Ballbesitz, 18 – 8 in Schüssen aufs Tor und Fehlschüssen, 7-2 in Eckbällen) hatte keine Tore gebracht. Die tapferen Isländer haben trotz dem Torverlust in den ersten Spielminuten den Rückstand aufgeholt und kurz danach sind sie in Führung gegangen, die sie bis zum Spielende nicht mehr abgegeben haben. So haben sie eine der schönsten Geschichten von Euro 2016 geschrieben. 37% Ballbesitz war ausreichend, um 2 Tore zu erzielen und Rooney und seine Mannschaft zurück nach Hause zu schicken.
Ein Phänomen auf den französischen Stadien war die Nationalelf von Portugal. Ein ganz schlechtes Spiel und lediglich 3 Unentschieden in der Gruppenphase, dann die Initiative-Abgabe an den Gegner und niedrigerer Ballbesitzanteil in jedem Spiel der Pokalphase und final… der Titel der besten Mannschaft des Kontinents. Damit die Portugiesen die Goldmedaillen bekamen, reichten 41% Ballbesitz im Spiel gegen Kroatien im Achtelfinale, 46% gegen Polen in Viertelfinale, 46% gegen Wales im Halbfinale und 47% gegen Frankreich im Spiel um den Titel aus.

Seltsam erscheint vor allem, dass solch technisch perfekte Spieler, wie Ronaldo, Nani, Quaresma und die anderen den Ball den Polen oder Walisern abgegeben haben, also den Mannschaften, die in ihrer Fußball DNA eine solide Abwehr und schnellen Konterangriff haben. War es also kein Zufall, sondern eine geplante Taktik? Anscheinend hat der Trainer der Portugieser (ähnlich wie del Bosque im Jahre 2010) festgestellt, dass der Zweck die Mittel heiligt. Und das Hauptziel in einem Turnier ist nicht effektvolles Spielen, das auch die eigenen Spieler in einem Spiel zum Tode quälen kann, sondern die weiteren Stufen mit möglich wenig Aufwand zu erreichen.

 

Ballbesitz bringt nur Probleme, so Mourinho top

Der Portugiese, der für seine kontroversen Aussagen bekannt ist, hat festgestellt dass der Ballbesitzanteil nur die Ziffer für Statistiker ist, also etwas, was sich im Spielergebnis gar nicht widerspiegelt, denn es zählt sowieso nur das, was im Netz ist. Er ist in seinen Aussagen noch weitergegangen, denn laut ihm bringt ein zu hoher Ballbesitzanteil sogar Probleme. Es ist also besser, den Ball dem Gegner abzugeben und ihm das Problem zu lassen und sich selbst auf die Abwehr zu konzentrieren und auf die Möglichkeit zu warten, einen erfolgreichen Konterangriff zu spielen.

Dass er das gesagt hat, ist das eine. Das andere ist, er hat dies umgesetzt. Wie z.B. in dem Spiel Chelsea gegen Liverpool zu Saisonende 2013 / 2014.
Die durch Mourinho ausgedachte Taktik für dieses Spiel war, die Initiative The Reds komplett abzugeben und auf einen einzigen Fehler vom Gegner, ein einziges Stolpern zu warten. Vor dem Spiel konnte wahrscheinlich nicht einmal The Special One voraussehen, dass das Stolpern … den Gastgebern wortwörtlich passiert. Am Ende der ersten Halbzeit, beim Stand 0:0 und bei absoluter Dominanz von Liverpool ist Steven Gerard in einer ganz ungefährlichen Situation ausgerutscht. Der im Angriff ganz allein gelassene Demba Ba hat anscheinend darauf nur gewartet, er hat der Liverpool Legende den Ball abgenommen, lief alleine Richtung Tor und schieß ganz ruhig den Ball ins Netz. In der zweiten Halbzeit haben auch die Chelsea Spieler erfolgreich gekontert und somit die Liverpools Träume vom ersten Triumph in Premier League seit 1990 definitiv zu Grunde gerichtet. Und dies trotz ständigem Druck von der Seite des Gastgebers und einem Ballbesitzanteil von 73%.

Atletico war nur einen Schritt davon, Champions League zu gewinnen, ohne den Ball zu besitzentop

Die Taktik von Atletico Madrid war in der Champions League Saison 2013 /2014 sehr einfach – den Ball dem Gegner abzugeben und sich auf ein fehlerfreies Spielen in der Abwehr zu konzentrieren. Diese Strategie und die perfekte Auswahl von richtigen Spielern haben aus einer durchschnittlichen europäischen Mannschaft ein Team gemacht, das die größten europäischen Vereine respektieren mussten. In der ganzen Champions League Saison hatten die Spieler von Diego Simeone den Ball nur ein bisschen über 40% der Spielzeit und sie haben 60% aller Tore nach Standardsituationen oder nach Kontern erzielt. Diese Taktik war bis zur 93. Minute des Finale in Lissabon erfolgreich, also bis zum Ausgleichtor von Sergio Ramos. In der Verlängerung konnten sich die todmüden Los Colchoneros den Galaktischen nicht mehr widersetzen. Man kann hier auch das Spiel zwischen Celtic Glasgow und FC Barcelona in der Champions League Saison 2012 / 2013 nicht vergessen. Das Spiel der Gruppenphase war zugleich ein Höhepunkt vom 125-jährigen Vereins Jubiläum und die Fans konnten sich wahrscheinlich kein besseres Geschenk vorstellen. Auf dem bis zum Rand gefüllten Celtic Park, beim ohrenbetäubenden Applaus haben die Gastgeber den mit Stars gespickten FC Barcelona 2:1 besiegt.  Die Tatsache, dass sie am Ball nur … 11% der Spielzeit waren, hat ihnen daran nicht gehindert. 11% - 89% zugunsten von FC Barceolna!!! Messi und sein Team haben im Spiel zwischen einander 955 Pässe ausgewechselt  (während die Gastgeber nur 166) und haben trotzdem verloren. Football, bloody hell, wie der Klassiker sagte.

Misslungene Versuche des Kopierens von Tiki-Takatop

Trotz ein paar Reinfällen sind sowohl die Nationalmannschaft Spaniens als auch der FC Barcelona ein Vorbild für andere Mannschaften im Bezug darauf, wie man im Ballbesitz bleibt und den Ball dem Gegner abnimmt. Viele Teams versuchen, diesen Stil zu kopieren, aber nur wenige haben da welche Erfolge, die anderen scheitern. Warum? Denn die Spieler müssen nicht nur perfekt technisch geschult sein, sondern auch taktisch vorbereitet sein, um auf diese Art und Weise zu spielen. Die Spieler müssen sich auf dem Spielfeld perfekt bewegen, die Dreiecke bilden, die Schemas wiederholen, aber auch ein bisschen improvisieren, was man nicht jedem beibringen kann.

In der Premiership Saison 2011 / 2012 hat die Mannschaft von Swansea auf diese Art und Weise zu spielen versucht. Obwohl die Mannschaft den dritten Platz im Ballbesitzanteil hatte, endete sie die Saison erst als elfter. Swansea hat in der ganzen Saison nur 472 Torgelegenheiten geschafft, während die Mannschaften mit wesentlich niedrigerem Ballbesitzanteil über 700 solche Gelegenheiten hatten, also 40% mehr.
Es hat nichts gebracht, dass die Swansea Spieler im Ballbesitz waren und den Ball zwischen einander ausgewechselt haben, denn die meisten von diesen Pässen waren in der eigenen Hälfte und wurden quer oder nach hinten gespielt. Beim FC Barcelona funktioniert es perfekt, denn es wird in der Hälfte des Gegners gespielt und die Spieler von FC Barcelona suchen ständig nach Lücken und Torchancen, um dem Kollegen auf einer besseren Position eine Gelegenheit zu schaffen, obwohl ihr Spiel oft unschlüssig scheint und der Ball quer gespielt wird.

Die Beispiele für misslungene Versuche kann man endlos nennen. 2010 wurde die Legende von FC Barcelona Jose Mari Bakero zum Trainer der Topmannschaft polnischer erster Liga Lech Posen. Der im Geiste von katalonischer Tiki-Taka aufgewachsener Trainer wollte dieses Spielmodell auf den polnischen Boden überbringen. Doch die an das Konterspielen gewöhnten Spieler konnten gar nicht verstehen, was der Spanier eigentlich gemeint hat. Nach ein bisschen mehr als einem Jahr und nach lediglich Hälfte der gewonnenen Spiele musste er sich vom Verein verabschieden.

 

Mit Ballbesitz gewinnt man die Titel und nicht die einzelnen Spieletop

Diese kühne These hat mal einer der Toptrainer formuliert und man muss sagen, es steckt drin ein Körnchen der Wahrheit. Denn trotzt einzelner Reinfälle, bleiben sowohl Spanien als auch der FC Barcelona, die wir hier als Vorbild nennen, seit Jahren unter den Topmannschaften. Klar, es kann einmal in 125 Jahre die Geschichte, wie mit Celtic Glasgow passieren, aber zum Schluss sind es die Spieler vom Kataloniens Stolz diejenigen, die die Trophäen gewinnen. Obwohl Fußball nicht immer und eigentlich nur selten logisch ist, so haben die Mannschaften mit höherem Ballbesitz grundsätzlich größere Chancen  auf Erfolg, wenn man es aus einer breiteren Perspektive sehen will. Was in keinem Fall bedeutet, dass sie 10/10 Spiele gewinnen…

 

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